Korsika

Am nächsten Morgen tuckerten wir also nach Calvi herein um unseren gebrochenen Flügel reparieren zu lassen. Es war eine wirklich kleine idyllische Stadt in einer ruhigen Bucht gelegen. Da der Hafen belegt war, bekamen wir eine Boje zugewiesen, allerdings war die Versorgung echt gut- kleine Dinghys holten den Müll ab oder brachten Frischwasser, ein super Service. Leider war die Suche nach einer Reparaturwerkstatt nicht so erfolgreich, in der Marina war die Werkstatt nicht besetzt und die Kapitänerie konnte nur mit einer Visitenkarte weiterhelfen. Es entwickelte sich zu einer Art Rollenspiel- wenn Du den anrufst, bekommst Du die Nummer von wieder einem Anderen usw. Am Ende des Tages waren wir kein Stück weiter, aber unendlich genervt. Zum Glück passte sich der Himmel unserer Laune an und wir hätten eh im Hafen bleiben müssen.

DSC_0286-kAuch am nächsten Tag waren unsere Nachforschungen nach einem Monteur ohne Erfolg, erst gegen Nachmittag fand sich endlich jemand der sich den Schaden ansehen wollte. Stunden später kam er dann auch auf seiner kleinen Vesper angerauscht, aber stellte fest das er ohne Akkuschrauber und Schweißgerät auch nicht weiterhelfen könne und beides besäße er nicht. Wir waren also wieder da wo wir angefangen hatten und mussten eine Entscheidung treffen- noch länger dort vor Ort nach, inzwischen immer unwahrscheinlicherer, Hilfe suchen oder weitertuckern und es im nächsten Hafen probieren. Wir entschieden uns für zweiteres und fuhren am nächsten Morgen los. Einmal entschieden gings uns gleich viel besser, denn diese untätige Warterei deprimierte uns zusehens.

DSC_0290-kÜber Nacht musste draußen ein irrer Sturm getobt haben, denn die Wellen waren Meterhoch. Aber nicht diese kurzen harten, sondern die langen Berge und Täler. Es war wie Achterbahn fahren und ich hätte jedesmal aufjauchzen können, wenn wir aus einem Tal auftauchten und den Horizont wiedersahen, Adrinalin pur. Nachdem uns aber ein völlig zerfleddertes Boot entgegenkam, dessen Fock total zerrissen war und das Dinghy nur als schlappe Hülle hinterherschliff, bekam es mein Skipper wohl doch mit der Angst zu tun und wir fuhren in unsere erste Ankerbucht zurück um dort noch eine Nacht zu bleiben bis sich die Wellen gelegt hatten. Wir nutzten die Gelegenheit gleich aus und versteckten unsere erste Schatztruhe. Das war gar nicht so einfach, denn sie sollte ja nicht von Unwissenden gefunden werden, aber von Wissenden um so besser. Wir hatten jedenfalls unseren Spaß dabei und fanden ein wirklich schönes Fleckchen mit toller Aussicht über die Bucht bis hin nach Calvi.

DSC_0291-1Zurück auf dem Boot sprangen wir erst einmal ins Wasser, die Hitze an Land waren wir so gar nicht mehr gewohnt. Durch den Sturm hatte es so einige Quallen in die Bucht getrieben, aber da mich an der Cote de`Azur schon eine am Fuß erwischt hatte, wußte ich ja, das sie nur ein kurzes kribbeln wie Brennesseln auf der Haut verursachten und damit konnte ich leben. Also hinein ins kalte Nass! Aber PUSTEKUCHEN!!! Die die mich da umarmte brannte wie Feuer, so schnell wie ich im Wasser war, war ich auch wieder draußen. Ich bin kein Jammerlappen, aber mir schoßen sofort die Tränen in die Augen und ich hätte schreien können. Wir versuchten die Stelle an der sie mich erwischt hatte zu kühlen, sprühten Pantenolspray darauf, aber nichts half, es brannte als wenn ich meinen Arm auf eine Herdplatte hielt. Erst Google zeigt uns was half- Essig! Zum Glück hatten wir welchen vorrätig und nach einer halben Stunde lies der Schmerz langsam nach, so verbrachte ich den Abend mit Essigumschlägen.

DSC_0350-kAm nächsten Morgen sah die Welt schon wieder anders aus, das Brennen hatte sich verflüchtigt und auch wenn ich mir beim letzten Landgang das Knie aufschürfte und nun den Rest des Urlaubs nicht mehr knien konnte, stachen wir ungeachtet dessen in See. Es folgten Tage voller strahlendem Sonnenschein, ausgiebigen Badeexzessen, traumhaft schönen Sonnenuntergängen und sternenklaren Nächten. Wir genossen die wundervolle Landschaft, die einsamen Buchten, versteckten Schatztruhen in Höhlen und hinter Steinhaufen die aussahen wie Trolle und schipperten begleitet vom tuckern unseres Motors an Korstikas Küste immer südlicher.

An einem Abend, als mein Skipper schon früher im Bett war, saß ich noch mit meinem Becher Rotwein auf dem Deck des Bootes und lauschte der Musik der etwas weiter neben uns aneinandergebundenen Charteryachten. Und ich dachte nach, über mich, mein Leben und meine Zukunft. DSC_0372-kZu Beginn meiner Reise wurde ich von meinem Skipper gefragt, wo ich mich in 5 Jahren sehe und ich konnte nur mit den Schultern zucken, weil ich nicht daran glaubte das mein Wunsch noch viel von der Welt zu sehen Wirklichkeit werden könnte. Mit meinen 44 Jahren hatte ich noch nicht wirklich viel von der Welt gesehen, denn als als alleinerziehende und verdienende Frau konnte man keine großen Sprünge machen. Mein 21 jähriger Sohn würde höchstwahrscheinlich nächstes Jahr, nach abgeschlossener Ausbildung, zu seiner Freundin nach Hamburg ziehen und ich würde aus meiner viel zu großen Wohnung ausziehen. Mit dem was ich nach über 25 Berufserfahrung verdiente, kann man in Deutschland alleine gerade so überleben, aber nix ERleben! Ich würde also über kurz oder lang eh einen Entschluss fassen müssen, wie mein Leben weitergeht. Die bisherige Reise hatten ganz verschiedene Eindrücke hinterlassen… mein sonst eher sehr rastloses Wesen, fand das erste mal seit ich denken kann Ruhe. Vielleicht lag es daran, das sich die Welt um mich bewegte, so konnte ich zur Ruhe kommen. Befürchtete Mängel, wie fehlende Intimsphäre oder Dusche, hatten mich so gar nicht mehr gestört, im Gegenteil ich genoß diese Zugehörigkeit und Zweisamkeit, die ich seit Jahren nicht mehr hatte. Fasziniert von der Gelassenheit und Freundlichkeit der Franzosen und die Andersartigkeit der Landschaften, der Unterschied vom Festland zu Korsika, diese Fremdartigkeit versus meinem gewohnten Leben. Ich habe mich wohler in Ankerbuchten, als in Häfen gefühlt, die Ruhe nach dem Trubel umso mehr genossen. Zum Glück auch schien ich Seefest zu sein. Wellenhöhe und Wind empfand ich als gegeben und hab es als unveränderlich angenommen, hingegen vorbeirasende Motorboote mich aufgeregt haben, obwohl ich die auch nicht ändern konnte. Mich hatte die unendliche Weite, dieses irrsinnige Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit nachhaltig angezeckt. Wie klein und beschränkt und eingeengt wir an Land doch lebten….

Alles erschien plötzlich so klar, so durchsichtig- man konnte mit einem Boot überallhin, wohin man auch wollte. Es gab niemanden der einem sagte wie schnell man zu fahren hatte und das man zu dicht an der Kreuzung parkte, niemand wollte Geld fürs ankern und in Marinas musste man nur zur Not um die Vorräte aufzutanken. Also, warum nicht mit dem Boot die Welt bereisen, mich von meinem angesammelten Ballast befreien, den Rest im Keller einlagern und die Wohnung vermieten. In 20 Jahren würde mich keiner mehr freiwillig auf seinem Boot wollen, noch ist alles da wo es hingehört und ich bin fit genug um mich auch körperlich auf einem Boot einzubringen. Ich lebe nur einmal und das Leben endet in jedem Fall tödlich! Ich hatte etwas entdeckt wonach ich seit Jahren gesucht habe, es war als wenn eine Tür vor mir geöffnet wurde und plötzlich Frischluft in mein Leben kam und endlich die große weite Welt zum greifen nahe ist.

Warum also nicht die Welt umsegeln! Und ich wußte plötzlich dass das gehen kann!!!

Ich würde einen Segelbootführerschein machen, so oft wie möglich aufs Wasser gehen, Erfahrungen sammeln, um dann in 1-2 Jahren für eine Zeit auszusteigen und nur noch zu LEBEN, denn nach mehr als 25 Jahren Tag ein Tag aus arbeiten zu gehen, hatte ich mir DAS verdient. Nicht wie meine Kollegen mit 46 einen Herzinfarkt oder mit 51 einen Schlaganfall bekommen und wenn dann bitte nicht auf Arbeit, sondern auf einem Boot. Was war schon eine abgebrochene Saling, eine Kollision mit einer Feuerqualle oder ein aufgeschürftes Knie dagegen. Es wäre so einfach glücklich und frei zu sein und dieses Gefühl der Ausgeglichenheit und inneren Ruhe dauerhaft zu haben.

Ich teilte meinen Entschluss meinem Skipper mit und schob ihm die Schuld in die Schuhe, weil er mir schließlich diesen tollen Urlaub und die darausfolgende Erkenntnis ermöglicht hatte. Seine Antwort darauf war nur- „sehr gern geschehen“

Die folgenden Tage genoss ich umso mehr, in denen wir von Calvi aus ins Naturschutzgebiet La Scandola über Galeria, bis hin zum Golfe de Porto unsere Schätze versteckten, doch unsere Zeit war begrenzt und wir mussten bald unseren Rückweg antreten…

Die Überfahrt

DSC_0230-kleinWir fuhren bei herrlichstem Sonnenschein und halbem Wind mit 6 Knoten Richtung Korsika. Wir waren gespannt ob uns andere Boote begleiten würden oder ob wir allein auf große Fahrt gehen würden. Ein bißchen so musste es sich anfühlen, wenn man über den großen Teich fährt, jaja ich weiß das ist kein Vergleich, aber für mich als Ersttäterin war es eine wahnsinns Herausforderung! Die Spannung war quasi zu fühlen, was würde alles passieren? Wie lang würde es uns vorkommen? Würde man nicht müde werden von der Gleichmäßigkeit und Ruhe die uns umgab? Wir hatten eine sehr arge Krängung so bei halbem Wind, aber ich wollte mir trotz allem die Zeit mit kochen vertreiben, wir brauchten ja auch die Stärkung zur Nacht. Es sollte also Champignonsahnepfanne mit Reis geben und ich gab mir erdenklichste Mühe bei dieser Schräglage und ohne schwenkbaren Herd. Es gelang mir auch mit einigen Tricks und ich war gerade fertig und wollte den Herd ausdrehen, als sich der Knopf des Propankochers nicht mehr bewegte. Ich rief voller Panik nach meinem Skipper, was gar nicht so einfach war, denn er konnte in dieser Schräglage die Pinne nicht loslassen. Also ich nach oben, in der Hoffnung dass das Boot derweil nicht abbrannte, denn die Flamme lies sich auch nicht kleiner drehen. Es half dann auch kein darübergeworfenes nasses Handtuch, erst eine Zange gab dem Querulanten den Rest. Das war ein echter Schreck in der Abendstunde, aber dafür schmeckte das Essen um so besser!

Wir entfernten uns immermehr vom Festland, jedenfalls sagte uns das unser IPad, unsere Wahrnehmung sagte uns das nicht. Es ist unglaublich wie wenig man Entfernungen einschätzen kann, wenn man auf dem Wasser ist und das sollte uns noch so manches mal so gehen. Wir ließen uns also treiben und phylosophierten darüber.

DSC_0292-kPlötzlich gab es einen Knall und noch einen, als wenn jemand auf uns schoß. Wir schracken auf und sahen um uns, nichts zu sehen, woher kam das??? Als nächstes hörten wir ein Schleifen, irgendwas war mit dem Genua. Wir sprangen fast gleichzeitig nach vorne und sahen dann das Unheil- uns war die Saling auf Backbordseite vom Mast abgebrochen und schlenkerte jetzt freudig nur noch von den Wanten gehalten hin und her. Wir gingen in Hab-acht-stellung und warteten das sich jeden Moment auch die andere Seite oder schlimmer noch der ganze Mast verabschiedete. Was also tun? Es war echt gruselig!
Wir taten erst einmal nichts, erst als der Wind nachlies, holten wir die Segel ein und starteten unseren 6 (in Worten- SECHS!) PS Außenborder und tuckerten weiter. Es war ein ungutes Gefühl so mit gebrochenem Flügel, aber was sollten wir tun so auf halber Strecke? Es war egal ob wir umkehrten oder weiterfuhren, wir mussten uns mit der Geräuschbelästigung abfinden. Viel schlimmer war aber, dass wir nun nach unserer Ankunft wieder in einen Hafen mussten, um den Schaden beheben zu lassen. Also vorerst keine Ankerbuchten, wo doch das eigentliche Ziel unserer Reise ein ganz anderes war.

Mein Skipper war nämlich Indie-Game-Developer und er hatte die Idee ein Comuterspiel zu entwickeln, in dem man erst weiter kommt, wenn man reale Piratenschätze findet. In diesen Schatztruhen, stehen dann Nummern, mit denen man dann wiederum im Spiel ins nächste Level kommt. So sollte dann den Vätern ein Alibi geschaffen werden, damit sie mit den Kids mal wieder segeln gehen. *fg* Wir hatten also 5 Truhen an Bord, die wir an der Küste Korsikas verstecken wollten und dazu brauchten wir Ankerbuchten und keine Marinas! Aber wir hatten nun keine Wahl.

Mit diesen und anderen Gedanken überkam uns die Nacht, die Sonne versank glutrot hinter uns über dem Festland und wir zogen das erste mal seit über einer Woche warme Sachen für die Nacht an. Zum Glück hatten wir einen Pinnenpilot, so das wir ab jetzt einer geruhsamen Nacht entgegensahen. Und wir wurden mehr als belohnt- ein Mondloser pechschwarzer Himmel mit einer Pracht voller Sterne und unzähligen Sternschnuppen erwartete uns. Wir waren überwältigt und versuchten die Sternzeichen zu erraten die fast zum greifen nahe schienen. Ein wunderbares Gefühl so dahin zu gleiten, in schwarzer Nacht, bewacht von der Natur. Was für ein Glück das wir es beide so empfanden und uns auch nie der Gesprächsstoff ausging. Ab und an tauchte ein Licht am Horizont auf, nur kam es selten näher, so das wir ganz allein mit uns waren.

So ging diese wundervolle Nacht beinahe viel zu schnell vorbei, aber das was uns dann erwartete war einfach Atemberaubend!

DSC_0272-kEin glutroter Himmel, der vom orange ins goldgelb wechselte. Das Wasser Spiegelblank und glatt wie Eis. Und dann begrüßte sie uns, die Kraft allen Lebens, die Wärme war sofort spürbar und ich habe sie noch nie so kraftvoll und nah gespürt wie an diesem Morgen. Und dann sah ich sie- Delphine! Kleine schwarze springende Lebewesen erst in der Ferne und dann etwas näher. Sie jagden sich unter und über Wasser, mir wollte das Herz platzen, so glücklich war ich! Genau in diesem Moment wollte mein Skipper schlafen gehen, es war das erste mal das ich etwas ohne ihn erlebte, aber ich genoß es und saugte diesen wundervollen Morgen mit einer Tasse heißen Kaffee in mich auf. Nach einer halben Stunde ließ es ihm dann wohl doch keine Ruhe und er kam wieder ins Cockpit, gerade rechtzeitig um dem nächsten Naturschauspiel beizuwohnen. Von weitem sah es aus, als ob eine Nebelbank auf uns zukam, weiße Wattewolken quollen wie ein Wasserfall ins Meer. Leider konnten wir nicht einordnen was das war, aber wir hatten auch nicht lange Zeit darüber nachzuforschen, denn Korsika tauchte als türkise Bergformation vor uns auf. Wie eine Märcheninsel bei Käptn Hook kam sie auf uns zu, wir fühlten uns wie angezogen von einem Magneten. Es war einfach unwirklich schön!

DSC_0274-kDie Sonne stieg immer höher und es wurde merklich wärmer, so das wir bald das Sonnendach aufbauten und je näher wir kamen desto gigantischer erschien sie uns, diese Insel aus blauem Fels. Erst als wir nach 26 Stunden Fahrt Calvi sahen glaubten wir wirklich richtig zu sein, aber wir ankerten erst einmal in einer Ankerbucht davor. Wir waren viel zu aufgedreht um gleich schlafen zu können, so badeten wir erst einmal und verarbeiteten unsere Erlebnisse und gingen erst spät Abends schlafen.

Was für eine Nacht!

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Cote d`Azur

Nachdem wir also unser kleines Boot so gut wie möglich klar Schiff gemacht hatten und uns auch die Umgebung zur Genüge angesehen hatten, ging es endlich los. Erst bei der Hafenausfahrt sah ich wie riesig dieser Hafen doch war, dort lagen unzählige Boote, eins größer als das andere, so das wir uns noch kleiner vorkamen. Auch die Festungen, die früher sicher zum Schutz der Stadt gebaut wurden, und nicht zu vergessen diese irrsinnig großen Fährschiffe ließen uns nicht vergessen wie verwundbar wir doch mit unserer Nussschale waren.

DSC_0222-kAber wir hatten guten Wind, der noch die nachwehen des Sturms war, der in der Nacht meiner Ankunft tobte, von dem ich zwar gar nichts, mein Skipper aber um so mehr mitbekommen hatte. Wir schipperten also aus dem Hafen, die Küste entlang. Für mich war es ein tolles Gefühl, so ganz anders als erwartet, ich genoß die Bewegung des Bootes und die Sonne auf der Haut. Wir steuerten dann die nächst gelegene Bucht nach Marseille an und ankerten dort, ich war gespannt wie mir die erste Nacht ohne sicheren Hafen bekam. Aber erst einmal genoß ich es im Meer zu schwimmen und versuchte das erste mal ein Abendessen in der Miniküche zu zaubern. Eigentlich war es aber nichts anderes als beim Campen, man hatte Plastikgeschirr und einen kleinen Herd und wenig Platz. Da ich das ja schon gewohnt war, klappte das also schon ganz gut und wir ließen den Tag mit einem Becher Rotwein ausklingen. Wir konnten wunderbare Gespräche führen, so dass wir uns zwingen mussten schlafen zu gehen und nicht die Nacht durchzumachen.

DSC_0228-kAm Morgen begrüßte uns schon die Sonne, ich hatte wunderbar in meiner kleinen Lotsenkoje geschlafen und genoss mein Frühstück. Nach einem morgendlichen Bad, holten wir den Anker ein und schipperten gemütlich weiter. Die Tage folgten den Nächten und umgekehrt, die Landschaft veränderte sich und ich konnte mich nicht sattsehen. Ich hatte mir unmengen Lesestoff auf mein Kindle geladen, aber ich hatte keine Minute das Bedürfnis zu lesen, viel zu spannend waren die Eindrücke und viel zu sehr genoss ich diese Art zu reisen! Es war beinahe wie fernsehen nur das sich nicht die Bilder bewegten, sondern wir uns. In mir machte sich eine unheimliche innere Ruhe breit, sonst hatte ich immer das Gefühl etwas zu verpassen, aber nun fand ich das die Anderen etwas verpassten. Ich lernte die ersten Handgriffe die man zum segeln benötigte und nach ein paar Tagen waren wir schon ein gut eingespieltes Team. Mittlerweile merkte ich auch die Größe des Bootes kaum noch, ich fühlte mich viel mehr geborgen, wie in einem kleinen Nest.

DSC_0234-kDie Tage flossen also so dahin, ich genoß die Wärme, das himmelblaue Meer und die Ruhe. Wie anders war doch mein Alltag, voller Streß und Planungen und Organisation und nun genau das Gegenteil. Ich musste mich fügen, waren wir doch ganz vom Wind und Wetter abhängig. Zum Glück lies uns Beides nicht im Stich. Am 6. Tag wollten wir dann in den Hafen von Saint Tropez, die Vorräte für unsere Überfahrt nach Korsika auffüllen und ein wenig wieder unter Leute gehen. Nicht das ich das Bedürfnis gehabt hätte, denn ich fand wir waren uns Beide genug.

DSC_0255-kÜberall schwirrten Hubschauber mit Paparazzis in der Luft, die vor den Booten herflogen um vielleicht auch nur ein Skandalbild zu schießen. Viele der Yachten konnten gar nicht in den Hafen fahren, da sie viel zu groß waren und zu viel Tiefgang hatten, so das die Bucht voller Riesenschiffe war, die von kleinen bis großen Dinghys umschwärmt wurden, um Menschen von und zu den Schiffen zu bringen. Keiner dieser Leute deren Dinghy beinahe die Größe unseres Bootes hatten, hatten auch nur die geringste Ahnung davon, wie sehr sie unser Boot zum schwanken brachten, sie jagden um uns herum und ließen uns rollen wie bei einem Sturm. Und genau zu diesem Zeitpunkt wurde mir bewußt, warum ich die Ruhe und Abgeschiedenheit auf dem Meer so sehr genoß. Ich konnte mich sehr wohl den Unregelmäßigkeiten des Wetters fügen, aber diese Rücksichtlosigkeit der Menschen war mir absolut zu wider! Und genau das war auch das was mich persönlich dann im Hafen angekommen störte. Irgendwie empfand ich die vielen Menschen als Eindringlinge in unsere kleine Welt.

DSC_0256-kAuch dieser Überschwang an Reichtum, der Megayachten war mir im Vergleich zu unserem doch recht spartanischen Leben auf dem Meer zu viel. Es fühlte sich beinahe obszön an, diese Menschen in ihren High Society Klamotten, viel zu stark geschminkt und viel zu viel parfumiert. Was hatten sie aus diesem doch einst beschaulichen und wirklich hübschen kleinen Ort gemacht, ein Treffpunkt der Reichen und Silikongepolsterten und deren Anhänger. Wenn die Gewußt hätten das ich vor einer Woche das letzte mal geduscht hatte, hätten sie wohl einen großen Bogen um mich gemacht ;o) Es machte mir im übrigen so gar nichts aus, wir schwammen ja jeden Tag im Meer und wuschen uns dann Abends mit einem Lappen und Seife mit Süßwasser ab. Trotzdessen tat die Dusche dann sehr gut, denn meine langen Haare über dem Eimer waschen war schon recht mühsam. Wir sahen dann aber auch zu, schnell alle Dinge die wir brauchten zu besorgen und fuhren ausgeschlafen am nächsten Morgen ab. Schließlich hatten wir eine lange Strecke von ca. 150sm vor uns und wollten beide wach bleiben um auch ja nichts zu verpassen.

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Erstens kommt es anders…

Vorwort:

Nun bin ich also doch auf den Blog gekommen. Jahrelang hab ich mich drumherum gedrückt, aber anscheinend ist meine Geschichte so spannend, dass immer mehr Freunde aber auch Fremde daran teilhaben möchten. Nun denn…

Erstens kommt es anders und zweitens… na ihr wisst schon.

Vor fast genau 10 Jahren begann schon einmal etwas in meinem Leben mit diesen Worten, aber das ist wieder eine andere Geschichte. Diese hier begann im Juni diesen Jahres, als der TÜV mir offenbarte, dass er mich von meinem heißgeliebten Opel Tigra nach nur 5 gemeinsamen Jahren trennen würde. Damit aber nicht genug, denn durch dieses Urteil wurde auch mein langersehnter Jahresurlaub vereitelt. Seit über 8 Jahren fuhr ich Jahr ein Jahr aus an die Ostsee, genauer nach Usedom campen. Ein paar Jahre diente dazu ein geliehener Wohnwagen und in den letzten Jahren mein eigenes Zelt.

1927210_728533720501295_629894440_n Es war jedesmal wie nach Hause kommen, man fuhr dorthin baute sein Zelt auf, wurde mal von diesen mal von jenen Freunden begleitet, oder verbrachte auch ein paar Tage alleine dort. Am besten daran gefiel mir die Freiheit, man verbrachte 24/7 unter freiem Himmel und konnte herumlaufen wie man wollte. Kein aufgehübsche, keine Modenschauen, Jogginghose und ungeschminkt, eben so ganz anders als zu Hause. Und man konnte den lieben langen Tag aufs Meer starren, lesen, Musikhören, oder auch im Kletterwald die überschüssigen Energien abbauen. Kurzum- einfach die Seele baumeln lassen.

 

1922826_728534403834560_1021156956_nUnd das alles sollte mir nun verwehrt bleiben, so ganz ohne meine kleine Drecksau, sorry damit meine ich mein Auto, das jetzt wohl sein restliches Leben in Afrika ohne mich verbringen wird, würde ich meinen ganzen Kram niemals dort hoch bekommen.

Nun war guter Rat also teuer, oder auch nur ein Essen wert, denn just wußte eine Freundin Selbigen- www.urlaubspartner.net war des Rätsels Lösung. Einer ihrer Bekannten inserierte dort schon sehr erfolgreich seit Jahren, wieso also nicht auch ich?! Ich stellte flugs eine Anzeige ein und bekam natürlich auch unzählige Anschreiben. Aber irgendwie kam kein so wirkliches Miteinander zustande, sei es weil Mann nur das eine im Kopf hatte oder auch kein Auto oder aber Bayern nun nicht gerade auf dem Weg von Berlin zur Ostsee liegt. Also surfte ich selbst mal durch die Anzeigen und blieb geschlagene drei Tage an einer Anzeige hängen:

Segelabenteuer Mittelmeer

Mary Fisher Suche Mitseglerin auf meinem Mittelmeertörn (Segelerfahrung nicht notwendig)
Zeitraum: Im Juli, August oder September 2013 für ca. 1 Monat
Start: Marseille, dann die Küste entlang Richtung Italien, irgendwann dann mal nach Korsika, und dann weiter wohin der Wind uns weht und solange es Spaß macht… Die Mittelmeerhäfen sind teuer, und ich möchte so oft wie möglich ankern. Die Reise kostet dich außer der Verpflegung nichts, es sei denn du möchtest einen Hafen anlaufen und ich nicht. Die Yacht ist sehr klein und ich bin kein Millionär. Ich tausche auf meinen Reisen immer Bequemlichkeit gegen Freiheit, und wenn dir das nicht fremd ist, ist das das richtige Abenteuer für dich. Ich suche nach einer Freundschaft, die den Rahmen dessen, was üblicherweise als Intimität und Ehrlichkeit bezeichnet wird, sprengt. Ich bin kein „Seewolf“, sondern habe einen guten Zugang zu meinen Gedanken und Gefühlen und suche nach regem Austausch, Inspiration und tiefen Einblicken in deine Innenwelt. Getrennte Kojen gibt es selbstverständlich, eng ist aber trotzdem immer.
Ich stelle gerne Fotos und Videos von mir und meinem Boot zur Verfügung, und möchte unbedingt auch vor Beginn der Reise ausgiebig schreiben, chatten und skypen.
Wenn es dann doch nicht passen sollte, gibt es jeden Menge Hafenstädte mit guten Zugverbindungen, in denen du spontan wieder von Bord gehen kannst, z.b. Nizza oder Genua.

Nach dem mir dieses Anschreiben irgendwie nicht aus dem Kopf ging, antwortete ich einfach. Zwar kurz und knapp, aber siehe da, ich bekam postwendend Antwort, obwohl ich damit eigentlich so gar nicht gerechnet hatte. Es entwickelte sich ein sehr anregender Austausch, der sehr bald vom schriftlichen zum telefonischen und dann auch zum Videoskypen wechselte. Wir lagen auf einer Wellenlänge und konnten stundenlang plaudern, was für solch eine Reise natürlich super Voraussetzungen sind. Wir wurden uns bald über Treffpunkt und Reisezeit einig und nach eingehender Beratschlagung mit meinem Sohn und besten Freunden sagte ich zu, auch wenn es Freunde gab die strikt dagegen waren und mir sogar die Freundschaft kündigten. Aber was für Freunde waren das dann auch?!

Mein Gott was war ich aufgeregt- würde ich Seekrank werden? Was wenn es mir zu eng werden würde? Oder man sich schnell gegenseitig auf den Geist ging? Würde mir die tägliche Bewegung nicht fehlen? Hatte er genug Erfahrung um uns heil ans Ziel zu bringen? Und wie würde das mit der Hygiene sein? Fragen über Fragen, die mir mein Skipper zwar aus seiner Sicht beantworten, aber die ich letztendlich nur selbst erfahren konnte.

Der Tag der Abreise rückte immer näher und ich war gespannt wie ein Flitzbogen, wie würde alles werden und wie war ER?

DSC_0212-kIch flog also am 28.7. mit Easyjet nach Nizza und fuhr von dort mit dem Bus nach Marseille, wo er mich nach einer Nacht im Hotel in Empfang nehmen wollte. Der Flug war kurz und schmerzlos und Marsaille großartig, der Hafen bei Nacht ist eine wahre Festbeleuchtung, so das ich mich gar nicht satt sehen konnte. Mein Hotel war leider viel zu überteuert, und ganz schrecklich klein und laut, aber es war ja nur diese eine Nacht. Am Morgen entschädigte mich die warme Mittelmeersonne und der Blick auf die zahllosen Schiffe im Hafen. Ich schlenderte ein wenig durch die Stadt und setzte mich zum warten in ein kleines Café. Gegen Mittag waren wir verabredet und sodann erschien er auch so ganz in Weiß, mein Skipper.

Das Boot war dann tatsächlich klein, nur ganze 8 Meter lang und ich bekam die ersten Zweifel ob ich das wohl ganze 3 Wochen ertragen würde. Ich bezog also meine Koje und stopfte meine viel zu große Reisetasche in eine Ecke. Wir wollten 1-2 Nächte noch im Hafen bleiben, erstens um zu sehen wie ich auf dem Boot zurecht kam und zweitens um Vorräte, Strom, Wasser und Benzin aufzutanken. Und wir wollten natürlich noch ein wenig Marseille erkunden, was wir dann auch fast in genau dieser Reihenfolge taten.

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