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Déjà-vu

1460062_10152582902008049_8668623528235512797_nEs war einmal eine nicht mehr ganz junge Frau, die aus einer Verkettung widrigen Umstände heraus, von einer Großstadtbewohnerin im Hamsterrad zu einer blogschreibenden Seglerin wurde.

Aber wie konnte das nur passieren?!

Ganz einfach- mein Auto ging kaputt! Nun, werden einige sagen, das passiert jedem mal. Aber es war eben nicht nur irgendein Auto, es war meine kleine geliebte Drecksau. Ich hatte sie geliebt und gepflegt, sie hat überall auf mich gewartet und hat mich überall hingebracht. Und das war nun aus und vorbei, denn der TÜV reichte für uns die Scheidung ein. Damit fing der Lauf der Dinge an-> ich konnte nicht an die Ostsee fahren um dort zu campen und wusste nun nicht wo ich meinen Urlaub verbringen sollte. Zum Glück hat man Freunde, die einem manchmal auch gute Tipps geben und somit landete ich auf urlaubspartner.net Nur, dass das Endergebnis meiner Suche dort, eine ganz andere Art des fahrbaren Untersatztes hervorbrachte, als ursprünglich geplant war. Ich landete auf einem 8m Segelboot. Mein Gott was war das für ein Ritt, die Enge, das Schaukeln, die hygienischen Umstände. Es war unglaublich, das alles machte mir nichts aus, es war der Hammer! Nach vier Wochen Sonne, Salz und Meer sollte man aber dann doch denken, dass des Guten nun genug ist, aber normal war ich ja noch nie. Ich hatte Blut geleckt, und wie!!!

Ich hatte wohl das erste mal in meinem Leben Zeit über mich und alles was mich umgab nachzudenken, denn mir wurde bewusst wie sehr ich eigentlich an meinem Leben vorbei lebte, wie gefangen ich in meinem Hamsterrad war. Denn ich hatte die Tür gefunden, die mich plötzlich mit Frischluft versorgte und die mir den Weg nach draußen zeigte. Ganz plötzlich und völlig unerwartet.

SIRIS-~1Ich kam also nicht nur gebräunt und erholt, sondern auch voller Tatendrang nach Hause zurück und war wildentschlossen meinen Plan in die Tat umzusetzen. Welchen? Ja nun, halbe Sachen sind nix für mich- ich wollte die Welt umsegeln. Kann man doch mal machen, so als neuen Lebensabschnitt. Natürlich steckt dahinter die tief verwurzelte Sehnsucht nach Freiheit und verdammt viel Fernweh. Nur war mir bisher nicht bewusst, das es tatsächlich einen auch für mich gangbaren Weg dorthin gibt. Also Ärmel hoch und auf ins Internet, da mussten doch noch andere Verrückte unterwegs sein. Menschen mit den gleichen Träumen, die wussten wie das geht und die mir sicher Tipps geben würden. Natürlich fand ich die auch und was für welche… denn ich wurde ausgelacht und gewarnt und sogar beschimpft. Ich prallte glatt zurück vor so vielen negativen Emotionen. Aber nur um Anlauf zu nehmen, denn wer mich kennt, weiß- nicht mit mir, was ich will das setze ich auch durch! Und Mädels, ja vor allem ihr, lasst Euch nix sagen von den tollen Hechten die dort in der weiten Welt herumschippern, geht Euren Weg, das klappt! Aber um der Wahrheit gerecht zu werden, ich habe auch tolle Menschen kennengelernt, ich bekam wundervolle Emails und nicht zuletzt deshalb entstand überhaupt dieser Blog hier. Denn die wenigen die zu mir standen, die waren begeistert von meiner Idee, meinem Enthusiasmus und meiner Unbefangenheit und wollten unbedingt meinen Weg weiter verfolgen. Ich danke Euch sehr!

Ich ließ mich also nicht abbringen von meinem Vorhaben und entwickelte einen 9 Punkte Plan->

  1. segeln gehen/lernen
  2. Kostenplan erstellen
  3. ärztlich durchchecken lassen
  4. Segelscheine machen
  5. Job kündigen
  6. vom materiellen Ballast befreien
  7. meinen Sohn und die Katze unterbringen
  8. Wohnungsmieter finden
  9. Segelpartner finden

Und den arbeitete ich auch zielstrebig ab. Ich ging segeln, auf einem 9m Boot mit einem Ösi in Kroatien, lernte Barcelona und die 48ft großen Amels dieser Welt kennen, die mehr den Hafen als das Meer sehen. Verbrachte zwei Monate in der Türkei auf einer 22m Yawl und machte meine Segelscheine (SBF Binnen +  See). Ich krempelte meinen Sparstrumpf um und nahm einen Kredit auf, so lange ich noch arbeitete. Ließ meine Zähne, Knochen, Schilddrüsen und andere Gedärme durchchecken. Holte mir alle erdenklichen Impfungen und schloß einen Auslandreiseversicherung auf 5 Jahre ab. Auch an potentiellen Segelpartnern mangelte es nicht, ich schrieb mit ihnen, traf mich und segelte mit ihnen. Und es tat mir unendlich gut mich mit Menschen beim TO-Stammtisch, die meinen Traum schon erlebt hatten, zu reden und mir Mut zu holen. Die ersten 8 Punkte hatte ich auch recht schnell abgearbeitet und fühle mich von Punkt zu Punkt besser.

10566223_10152285277797263_1333105683_n.jpgAllerdings entwickelte sich Punkt 9 zu einer fast unüberwindbaren Hürde. Ich hatte sehr wohl bald einen Segelpartner gefunden, der sich eine wunderschöne alte Lady angelacht hatte, auf der auch Platz genug war, aber auch dringend Unterstützung von Nöten. Es war tatsächlich schwierig eine Crew zusammen zu finden, zu zweit war es mit diesem riesigen Schiff aussichtslos und endete schlußendlich in einer Trennung. Selbst der Versuch, weibliche Mitseglerinnen in dieser Männerdomäne, die meinen Traum teilte und mit mir auf große Fahrt gehen wollte, zu finden, scheiterte an der Umsetzung. So musste ich also allein weitersuchen nach „meinem“ Schiff und „meinem“ Käptn. Ich inserierte, traf mich und natürlich waren sie noch da, in heller Aufregung- die Zweifler, Sicherheitsfanatiker und Dauernörgler. Es wurden alle erdenklichen Links ausgegraben, ich war also in Erinnerung geblieben, natürlich auch die Haarstäubenden von einem Jahr zuvor. Die negativen Energien ließen mich wieder einmal zurückprallen… Und ihr könnt es Euch denken- natürlich um Anlauf zu nehmen!

Alle sagten: das geht nicht und dann kam ich, wußte das nicht und hab es gemacht. 😀 Nachdem also Punkt 9 nicht zu knacken war und alle Vorbereitungen abgearbeitet waren, zog ich eben allein los in die weite weite Welt. Ein Jahr lang verbrachte ich so und reiste Hand-gegen-Koje durch das halbe Mittelmeer, auf verschiedensten Schiffen und auch über Land. Sah mir Spanien, Frankreich und Italien an, lebte mit verschiedenen Crews und Eignern zusammen auf deren Booten und reiste per Bus und Bahn und übernachtete mit Airbnb auf fremden Couchen.

IMG-20150910-WA0000Und dann passierte es doch ganz unerwartet und wiederum aus einer Verkettung widriger Umstände heraus…  Nicht ich fand „mein Schiff“ und „meinen“ Käpn, sondern er mich. Wir lernten uns im Internet kennen und er besuchte mich spontan 5 Tage in Rom. Dann verbrachte ich einen Winter in den Niederlanden auf seinem Schiff SY Gorch Fock und von dort reisten wir zu Zweit über Belgien, Frankreich, die Biskaya, nach Spanien und Portugal ins Mittelmer. Die nächsten 2-3 Jahre wollten wir dort verbringen, um dann den großen Sprung über den Atlantik in die Karibik zu wagen und von dort den Rest der Welt  zu erkunden.

Leider wurde auch daraus nichts, nach 1,5 Jahren war auch auf diesem Schiff wieder Endstation. Aber Träume sind eben da um gelebt zu werden! Und wie durch ein Wunder erfüllte sich der langgehegte Traum, auf der wunderschönen Lady VEGA mitzusegeln. Inzwischen hatte sich der Skipper mit diesem Leben arrangiert und die Crew stand fest, und so ging es diesmal als Coskipperin von Spanien weiter nach Griechenland. Danach begann ich als freiberufliche Skipperin für verschiedene Charterfirmen zu arbeiten. Es folgte eine wunderbare Saison, ich segelte auf Sardinien, Mallorca, an der Amalfiküste um Capri und Ischia, in Kroatien und eroberte mir so Stück für Stück die Welt, bis ich in Griechenland landete. Dort wartete schon wieder die Lady VEGA auf mich, dieses mal hatte der Skipper aber eine andere Überraschung für mich parat – ich sollte sein Zweitschiff die Cocco auf die Kanaren überführen. Und auch diese Herrausforderung nahm ich an!

Es war einmal eine nicht mehr ganz junge Frau, die aus einer Verkettung widriger Umstände heraus, von einer Großstadtbewohnerin im Hamsterrad zu einer blogschreibenden Seglerin wurde. Und dieser Blog wächst offensichtlich gerade mit und ändert sein Gesicht. Er wird nun nicht nur mehr von einem überschaubaren Freundeskreis gelesen, sondern von Menschen die meinen Traum teilen, die mir Mut machen und mich unterstützen.

Ich hoffe in Zukunft Euch davon etwas zurück zu geben, meine immer noch ungebrochene Euphorie, mit Euch zu teilen und Euch anzustecken. Denn ich weiß das es geht – die Welt zu umsegeln und dazu muss man nicht alt, weise und erfahren sein, man muss es nicht nur wollen, sondern MACHEN!

Was die kleine Laura Dekker mit 14 Jahren allein geschafft hat, sollte doch auch für uns Große mindestens zu zweit möglich sein!

Jackpot

DSC_0017.jpgNach zwei Stunden Verspätung bin ich also mitten in der Nacht in Kusadasi angekommen und hab so leider wenig von der Landschaft gesehen. Aber dafür hat mich der Anblick der VEGA selbst bei Nacht aber sowas von entschädigt…. LEUTE, dieses Schiff ist der Jackpot!!! Es ist sowohl außen als auch innen so toll erhalten, das es wirklich vergleichbar wenige Arbeiten benötigt um unseren Anforderungen zu entsprechen. Sicher wird das alles eine Weile dauern, aber auch das macht ja Spaß. Die Fortschritte die man schon nach diesen wenigen Tagen sieht, sind so aufbauend. Als ich ankam, hatte A. schon fast einmal komplett durchgeputzt, aber wir wollen trotz allem noch nicht so viel verändern, schließlich kommt der Alteigner in ein paar Tagen und es soll nicht den Anschein erwecken, das wir uns wie die Maden ins Nest setzen bevor wir überhaupt den Kaufvertrag unterschrieben haben.

Innen VegaDenn nun sind wir erst einmal gespannt auf die Probefahrt und fangen langsam an uns heimisch zu fühlen auf diesem tollen Schiff. Es macht so viel Spaß alles zu entdecken, die liebevollen Kleinigkeiten, die so ein altes Schiff ausmachen. Es gibt messingfarbene Lichtschalter und kleine Bretter die man hochklappt damit man nicht aus dem Bett fällt, mal ganz abgesehen von diesem tollen Steuerrad und dem wundervoll alten Kompass. Wir werden diesen Stil genauso weiterführen, alles was an moderner Technik hinzukommt wird gut versteckt, ansonsten werden wir so viel wie möglich aufarbeiten und so erneuern das es wie alt wirkt. Es wird überall Polster und Kissen geben, alles in creme und weiß gehalten, jegliches blau wird von dunklem grün ersetzt, das sieht viel edler aus. Schließlich wollen wir uns wohl fühlen in unserem Heim und unsere Gäste sollen gerne wiederkommen.

IMG-20140821-WA0002.jpgAber wir haben natürlich schon eine Liste, der Dinge die wir nach der Probefahrt sofort in die Wege leiten wollen, zusammengestellt. Z.b. muss die Küche einmal komplett umgebaut werden, aber auch ein Stromgenerator, eine Wasser-Enstalzungsanlage, ein Autopilot und eine richtige Badetreppe müssen über den Winter installiert werden. Dann fehlt ein Bimini (ein Sonnendach bei der Fahrt) und auch die Matratzen und Bezüge müssen komplett erneuert werden. Aber das können wir alles nicht selbst, das muss Erkan der Marinetechniker erledigen. Wir haben selbst aber auch genug mit schleifen, streichen, putzen, polieren und planen zu tun. Nur das wir Zeit haben und uns selbst einteilen können, wann wir was erledigen.

DSC_0035.jpgAnsonsten bin ich natürlich begeistert von dieser tollen Stadt, mit den vielen kleinen Gässchen und Läden, dem Blick aufs Meer und den wirklich freundlichen Einwohnern. Hier mault kein Busfahrer, weil man 10 Meter vor der Bushaltestelle raus oder rein möchte und man bekommt im Restaurant sogar ungefragt einen zweiten Tisch herangeschoben, nur weil der Brotkorb sonst keinen Platz hätte. Vielleicht liegt es an der fehlenden Sonne oder einfach der Mentalität der Deutschen, das sie alles negativ sehen und an wirklich allem herumnörgeln müssen?! Ich mag es hier, SEHR!

Schritt für Schritt

 

Vor eine Weile hatte ich mal eine To-Do-Liste erstellt und als ob alles so sein sollte, fügte sich eins zum anderen:

 

1. Segelpartner finden-
Mittlerweile hatte ich mehrere fixe Angebote- einen Kameramann aus München, der eine Segelpartnerin suchte und mit dem ich einen wirklich angenehmen Nachmittag verbrachte. Wir wollten im Sommer mal gemeinsam schauen, wie es auf dem Boot klappen sollte, allerdings war er nur 1-2 Jahre abkömmlich. Der nette Mr Barcelona war inzwischen in Berlin und wollte in diesem Sommer eine Wauquiez in Stralsund ausbauen um dann, auf jeden Fall schonmal, zurück nach Barcelona segeln. Mein allererster Lieblingsskipper entwickelte auch Pläne- sich, nach dem Verkauf der Mary Fisher, ein größeres Boot zu zulegen oder aber auf einem Boot mitzusegeln. Und ich hatte eine Frau kennengelernt, die sich eine 40ft Ketsch zugelegt hatte, die sie auch in diesem Sommer ausbauen lassen wollte, um dann im Frühjahr 2015 loszusegeln. Mit ihr verbrachte ich schonmal den einen oder anderen Abend, wir verstanden uns gut und hatten gemeinsam viel Spaß.
Wenn also alles so lief wie es sich bisher ausmachte, würden wir sogar als kleines Konvoi lossegeln, um dann wenigstens die Biskaya gemeinsam zu meistern.

2. segeln gehen-
Das war noch nicht sicher, denn ich wußte weder mit wem, noch wohin. Der Münchner war genau zu dieser Zeit (Juni) voll belegt, vielleicht würde September klappen, Mr Barcelona war in Berlin und/oder Stralsund, mein Lieblingsskipper wahrscheinlich auf dem Weg nach Deutschland, also dann blieb ev. meine zukünftige Segelpartnerin, mit der ich dann ja auf einem Boot im Mittelmeer anheuern konnte, Angebote hatte ich ja einige.

3. Kostenplan erstellen-
Das fruchtete, bzw. war schon recht fix und auch realisierbar, siehe Punkt 4 :o)

4. Wohnungsmieter finden-
Just hatte sich meine Hausverwaltung angeboten, mir sowohl einen Mieter zu suchen, als auch die Wohnung dann für die Zeit meiner Reise für nur 20,- monatl. zu verwalten. Besser gings gar nicht! Ich würde von den Mieteinnahmen und meinem ersparten leben können und zwar ruhigen Gewissens.

5. Sonnenbrille anfertigen lassen-
Das war das kleinste Übel und schon längst verwirklicht!

6. Visa Card organisieren-
Genau wie Punkt 5 :o)

7. Segelschein machen-
Sobald das Wetter wärmer werden würde, würde ich auf dem Müggelsee bei einer Segelschule den Schein machen, vorangemeldet hatte ich mich schon und die passenden Bücher lagen schon parat. Bis dahin besuchte ich regelmäßig die TO-Stammtische und kam dort immermehr Beachtung und ich wurde langsam aufgenommen in den Kreis der Weltreisenenden.

8. vom materiellen Ballast befreien-
Das ging echt flott voran- 6 Säcke Klamotten waren schon in der Altkleidertonne verschwunden. Bei Ebay verkaufte ich ein Teil nach dem anderen und kaufte mir gleich Dinge die ich zum Segeln brauchte. Der Keller war ab November frei und konnte dann mit meinem Kram befüllt werden, alles andere würde verschenkt oder verkauft sein.

9. ärztlich durchchecken lassen-
Ich hatte mittlerweile jede Woche einen Arzttermin- Orthopäde, Zahnarzt, Nuklearmedizin, Gynäkologe usw. alle verdienten endlich mal was an mir.

10. Impfen lassen-
Das hatte ich mit meinem Allgemeinarzt schon besprochen und sollte demnächst beginnen.

11. Zähne durchchecken lassen-
Siehe Punkt 9 :o)

12. Reisepass beantragen-
Das hatte Zeit bis zum Herbst, denn der Pass sollte ja frisch sein, ein Auslandführerschein würde gleich mit erstellt werden.

13. Job kündigen-
Tscha, das hatte sich wirklich ganz von allein erübrigt, denn mein Vertrag sollte tatsächlich nicht mehr verlängert werden. Als ich meinem Arbeitgeber jedoch von meinen Plänen erzählte und wie sehr mir noch ein weiteres halbes Jahr geholfen hätte, fand er die Idee so cool, das er mir den Arbeitsvertrag bis Ende August 2014 verlängerte.

Es war also besiegelt, ab September 2014 würde ich also frei sein. Frei für die Vorbereitung des größten Abenteuers meines Lebens! Es fühlte sich eigenartig an, das bisherige Leben so langsam Schritt für Schritt zu beenden, zum einen war es Traurigkeit, alles gewohnte hinter sich zu lassen und eben auch Hoffnungen endgültig zu begraben Zu gerne wäre ich hier mit einem Mann der mich zu schätzen weiß, glücklich geworden und hätte mit ihm zusammen die Welt erkundet. Aber es sollte nicht sein, ich würde wohl mit einer Frau auf Reisen gehen, die die gleichen Erfahrungen wie ich gemacht hatte. Zum anderen freute ich mich natürlich diebisch auf die Zeit, auf die Erlebnisse, die fernen Länder und fremden Kulturen.

Und so war meine große Liebe wohl das Meer… auch kein so schlechter Gedanke!

Erstaunt war ich aber immernoch nachhaltig, wie wenig Gegenwind ich doch hatte. Niemand wollte mir mein Vorhaben ausreden, niemand belächelte es, denn jeder der mich kannte, wußte WIE ernst ich es meinte. Im Gegenteil, mir schlug großteils Bewunderung entgegen, denn irgendwie hatte jeder diesen Traum auszubrechen, nur die wenigsten verwirklichten ihn. Gerade Menschen in meiner Generation, die ein Lebenlang unter diesem psychischen und physischen Druck, der heuzutage in den Firmen herrschte, gearbeitet hatten, sehnten sich nach einem Ausstieg aus diesem Hamsterrad. Es machte mich traurig, wie wenig ihn doch wagten.

Ich war also auf dem richtigen Weg, hatte schon einiges erledigt und meine To-Do-Liste bedarf einer Umgestaltung:

1. segeln gehen
2. weiter ärztlich durchchecken lassen,
3. Impfen lassen,
4. Segelschein machen,
5. vom materiellen Ballast befreien,
6. Wohnungsmieter finden,
7. Reisepass beantragen,
8. meine Katze hatte ich vergessen- :o( aber auch dafür fand sich gerade eine Lösung, eine Arbeitskollegin wollte sich eine Zweite zulegen und vielleicht verstanden sich die Mädels ja!
9. eine Auslandskrankenversicherung abschließen, meine private Rentenversicherung wiederbeleben und gleichzeitig alle anderen Versicherungen hier kündigen

Wieder zu Hause

Da saß ich nun, voll von Erinnerungen und Eindrücken, die mich total geflasht hatten. Und voll von Zukunftsvisionen, aber auch vielen Fragen. Also auf ins Internet, mit Foren kannte ich mich aus, die hatten mir schon in so manchen Situationen geholfen, wer wenn nicht alte Hasen konnten meine Fragen beantworten. Und siehe da es gab einige gut besuchte Foren, also erstmal Überblick verschaffen und dann rein da. Es gibt schließlich keine doofen Fragen, sondern nur doofe Antworten. Tscha und die bekam ich auch zur genüge. Und damit nicht genug, ich wurde nicht nur belächelt, sondern auch bevormundet und sogar beschimpft. Um ehrlich zu sein, ich habe noch nie solch herablassende Menschen wie unter den Foren-Seglern getroffen und ich bin seit über 10 Jahren in verschiedensten Foren unterwegs. Ich hatte da wohl volle Kanne in ein Wespennest gestochen, welch Fauxpas als Frau segeln zu wollen und dann auch noch gleich richtig.

Aber natürlich hat jede Medaille zwei Seiten und ich bekam unter anderem auch per PN ganz wunderbare Nachrichten und ich wurde zum TO-Stammtisch eingeladen, den ich auch sehr gerne besuchte. Hier bekam ich Antworten auf meine Fragen und natürlich auch Tipps und Hinweise. Die Nachrichten die ich nun fast täglich bekam, waren von ganz unterschiedlicher Natur. Zum einen waren es Forenmitglieder, die sich beinahe für das Verhalten der Banausen entschuldigten, aber auch Abenteurer die selbst schon auf großer Fahrt waren oder es planten. Daraus entstanden ganz wunderbare Kontakte, die ich versuche dauerhaft zu pflegen, was allerdings auf Grund der Menge und auch Vielfältigkeit nicht ganz einfach ist ;o) Ganz besonders freute mich mich aber über einen Kontakt zu einer Frau, die sich sowohl hier im Forum, als auch in der Realität einen sehr guten Stand in dieser Männerdomäne erarbeitet hatte und die mir wirklich wertvolle Tipps aus Frauensicht gab. Wir hatten einen wirklich spannenden Abend miteinander und wollten sowohl segeltechnisch als auch sonst Berlin unsicher machen. Schade nur, das auch sie, wie so viele Andere hier, einen anderen Humor hatte, Sarkasmus ist halt nicht jedermans Sache. Aber was solls, so lange man sich live versteht, ist die Schreiberei doch nebensächlich.

Nunja, ich hatte mich natürlich inzwischen auch belesen- Beate Kammlers Roman z.B. aber auch Christiane Grabow und beide haben mir bestätigt, dass mein Vorhaben sehr wohl realisierbar ist. Unabhängig davon habe ich mich natürlich mit Freunden darüber unterhalten und ausnahmslos alle fanden die Idee toll. Die einen beneideten mich um meinen Mut und andere hegten selbst insgeheim solche Pläne. Aus den unerwartetsten Richtungen kamen auf einmal Zusprüche- meine Nachbarn z.B. würden meinen Keller, den ich seit Jahren an sie vermiete, freiräumen um meinen Kram dort unterzustellen. Eine Freundin offenbarte mir das sie auch gerne einen Segelschein machen wollte und mein Sohn hat sich auch gleich mit eingeklinkt, nun machen wir den im Frühjahr zu dritt. Und meine beste Freundin offenbarte mir, das sie schon seit einiger Zeit ein Weltreise mit ihrer Partnerin plant, allerdings per Backpacking.

Mein Sohn war schwer begeistert, auch er würde ja über kurz oder lang ins Ausland gehen und freute sich nun, seine Mutter nicht hier zurück lassen zu müssen, sondern selbst auf Abenteuer zu wissen. Seit Jahren beschwerte er sich schon, das ich doch kaum etwas von meinem Leben haben würde, immer nur arbeiten, kaum Freizeit und Jahr ein Jahr aus campen an der Ostsee. Aber als Mutter steckt man halt zurück, die eigenen Bedürfnisse treten in den Hintergrund, aber nun sollte es sich auszahlen, das ich schon mit 23 Jahren Mutter wurde. Und das ich nicht alles ganz so falsch gemacht hatte, bewies mein Sohn, der nun seine Ausbildung zum Biotechniker an einer Fachhochschule machte und im Herbst 2014 ein EU gefördertes Praktikum im Ausland machen würde. Es sollte eben alles so sein!

Es war einfach unglaublich und ist es immernoch!

Parallel zu allem erstellte ich mir eine ToDo-Liste von Dingen die in den nächsten Monaten zu erledigen wären. Einges davon hatte ich eh seit Jahren vor, habe sie aber immer aus Bequemlichkeit vor mir hergeschoben.
Und da so ein Blog ja zum laut denken ist, legen wir mal los:

1. Segelpartner finden,
2. segeln gehen
3. Kostenplan erstellen,
4. Wohnungsmieter finden,
5. Sonnenbrille anfertigen lassen,
6. Visa Card organisieren,
7. Segelschein machen,
8. vom materiellen Ballast befreien,
9. ärztlich durchchecken lassen,
10. Impfen lassen,
11. Zähne durchchecken lassen,
12. Reisepass beantragen,
13. Job kündigen,

Da waren sie also meine 13 Probleme. Einige waren schnell zu bewerkstelligen, andere wiederum noch viel zu früh.
Am schwierigsten von allem aber würde wohl Punkt 1 werden. Also auf in die Welt des Internet, Annoncen aufgeben, Emails schreiben, Treffen vereinbaren, kennenlernen, es würde spannend werden. 1. sollte sich mit 2. verbinden lassen, aber auch das gehört ja zum kennenlernen, denn nirgendwo lernt man sich in kürzerer Zeit kennen, wie auf einem Segeltörn auf dem man 24/7 miteinander verbringt. 3. und später dann 4. war recht einfach zu bewerkstelligen, denn durch das Glück eine Eigentumswohnung zu besitzen, die auch noch sehr schön geschnitten und im grünen Speckgürtel Berlins gelegen und dadurch gut zu vermieten ist, würde ich durch die Mieteinnahmen eine geregelte Einnahmequelle haben und gleichzeitig meinen Wohnsitz in Deutschland behalten können. 5. und 6. war die kleinste Hürde, denn beides hatte ich eh schon lange vor. Nachdem ich mich umfassend erkundigt hatte, rückt nun 7. auch in greifbare Nähe, wie oben schon erwähnt mit zweifacher Unterstützung. Die Segelschule war auch schnell gefunden, sie sollte relativ nahe und vor allem felxibel sein, denn im Einzelhandel zu arbeiten hat zeitlich kaum Vorteile. Allerdings würde ich mich erst einmal für den SBF-Segel Binnen entscheiden, denn ich würde nie auf dem Meer ein Boot chartern, auf einheimischen Seen würde ich aber im nächsten Jahr ganz sicher mal ne Jolle mieten wollen. 8. würde wohl den umfangreichsten Teil der Sache ausmachen, für jemanden der sich schwer von gewohntem trennen kann. Ich begann also langsam, sortierte aus und stellte bei Ebay ein. Verkaufte, verschenkte und tauschte, lange liegendes gegen Dinge die man zukünftig wohl mehr brauchen würde. Um endgültig auszumisten würde ich aber noch ein paar Monate brauchen, genauso wie für Punkt 9-12, denn das hatte noch Zeit. 13. würde der Zahl alle Ehre machen, denn ich arbeite in meiner Firma, wie 25% der Mitarbeiter, seit 2,5 Jahren nur befristet. Leider ist die Arbeitgebermoral in Deutschland schon seit Jahren unfassbar, so das mir dieser Punkt am leichtesten fallen wird. Genauso leicht würde es mir fallen nach meiner großen Reise in Deutschland wieder Fuß zu fassen, die Wohnung blieb mir und einen Job im Einzelhandel zu finden ist mir noch nie schwer gefallen, ich war in meinem ganzen Leben noch nicht einen Tag Arbeitslos.

Mein Plan nahm also Formen an, sowohl im Kopf als auch auf dem Papier und wer weiß schon ob man überhaupt jemals wiederkommen will…